Kinderarmut und ihre Ursachen – wo lässt sich ansetzen?

Die Kinderarmut ist auch in vergleichsweise reichen Industrieländern wie Deutschland auf dem Vormarsch. So lebten im Jahr 2015 14,7% aller Kinder mit staatlicher Grundsicherung. Im Vergleich zum Jahr 2011 stellt dies einen Anstieg um 0,4% dar. Auch wenn es sich hier um relative Armut handelt, stellt sie für die betroffenen Kinder ein enormes Problem dar. Doch was ist Kinderarmut genau? Worin liegen die Ursachen und an welchen Hebeln lässt sich am Ende wirklich ansetzen? In diesem Artikel soll die Thematik etwas genauer unter die Lupe genommen werden.

Was ist Kinderarmut genau?

Bei der Definition von Kinderarmut gehen Experten allgemein von zwei verschiedenen Arten der Armut aus:

1. Absolute Armut

Absolute Armut wird häufig im globalen Umfeld betrachtet. Dabei geht es tatsächlich um eine Situation, in der absolute Grundbedürfnisse wie Nahrung, Gesundheitsversorgung oder auch eine Wohnumgebung entweder gar nicht oder nur sehr schlecht gewährleistet werden. Absolute Armut herrscht normalerweise in Staaten vor, in der der Lebensstandard generell deutlich niedriger liegt als in Industrie- oder Schwellenländern. Diese Form der Armut ist in Deutschland glücklicherweise nur in absoluten Ausnahmefällen zu finden.

2. Relative Armut

Relative Armut ist ein wichtiger Indikator innerhalb einer Gesellschaft. In Deutschland (und auch in Europa) gilt eine Familie als arm, wenn ihr weniger als 50% des nationalen Medianeinkommens zur Verfügung stehen. Die Armutsrisikogrenze beginnt bei 60% des nationalen Medianeinkommens.

Worin liegen die Unterschiede zwischen dem Medianeinkommen und dem Durchschnittseinkommen?

Auf den ersten Blick erscheint die Frage sinnvoll, warum dafür nicht das herkömmliche Durchschnittseinkommen herangezogen wird. Dies lässt sich einfach mit einem Beispiel beantworten:

Das Durchschnittseinkommen berechnen

Das herkömmliche Durchschnittseinkommen dieser Haushalte wird aus dem arithmetischen Mittelwert gebildet. Somit müssen alle Werte addiert und durch die Anzahl der Werte geteilt werden:

Berechnung Teil 1

Beim Median wird hingegen genau der Wert als Mittelwert betrachtet, bei dem sowohl nach unten als auch nach oben gleich viele Werte vorzufinden sind:

Berechnung Teil 2

Der große Vorteil am Median liegt darin, dass große Ausreißer nach oben nicht den Durchschnitt zu stark anheben. Bei einer Gesellschaft mit großen Unterschieden zwischen Armen und Reichen und zudem einer deutlich ungleichen Verteilung (deutlich mehr ärmere Menschen als reiche) ist diese Betrachtung deutlich zielführender.

Wo liegt die Armutsschwelle?

Die Armutsschwelle (60% des Medianeinkommens) wird je nach persönliche Situation etwas unterschiedlich berechnet. Dies liegt an der Tatsache, dass ein Zweipersonenhaushalt nicht den doppelten Bedarf eines Ein-Personen-Haushaltes aufweist. Die folgende Tabelle soll den Bedarf etwas genauer aufzeigen:

Berechnung für Deutschland

Worin liegen die Ursachen für Kinderarmut?

Zunächst lässt sich festhalten, dass die finanzielle Situation der Kinder immer mit der Situation der Eltern verknüpft ist. Leiden also die Eltern unter Armut, geht es den Kindern nicht anders. Die Ursachen sind dabei recht vielfältig:

1. Arbeitslosigkeit

Arbeitslosigkeit ist nach wie vor ein umfassendes Problem, obwohl die Arbeitslosenzahlen in den letzten Jahren deutlich gesunken sind. Doch gerade die Langzeitarbeitslosigkeit ist oftmals ein echter Teufelskreis, aus dem sich Betroffene deutlich schwieriger wieder befreien können. Darüber hinaus sind Arbeitslosigkeit und somit Einkommenseinbußen für viele Betroffene echte Schuldenfallen. Wer erst einmal einen größeren Schuldenbetrag angehäuft hat, kommt aus dieser Situation noch schwieriger wieder heraus.

2. Mangelende Bildung und Ausbildung

Gerade Menschen mit niedriger Qualifikation für den Arbeitsmarkt sind besonders häufig von Armut betroffen. Sie finden deutlich seltener einen Job und werden meistens unterdurchschnittlich bezahlt. Dementsprechend herrscht in diesen Familien auch öfter Kinderarmut.

3. Geringes Lohnniveau

Leider sind nicht nur Hilfsarbeiter, sondern auch ausgebildete Menschen in vielen Bereichen von einem eher niedrigen Lohnniveau betroffen (z.B. Friseure oder Beschäftigte im Einzelhandel). Dies kann zu Armut trotz Arbeit führen, so dass die Familien aufstockend noch staatliche Hilfen bekommen oder sehr nahe an der Armutsschwelle leben.

4. Familien mit vielen Kindern

Hat eine Familie viele Kinder, stellt dies einen weitere Risikofaktor für Kinderarmut dar. Die Kosten für ein Kind liegen heute auf einem recht hohen Niveau und darüber hinaus ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Elternteil nicht arbeitet, deutlich höher. Mitunter kommt es auch Diskriminierungen von großen Familien auf dem Arbeitsmarkt, da hier ein besonders hohes Ausfallrisiko durch Notfälle in der Familie gesehen wird.

5. Trennung der Eltern

Trennen sich die Eltern eines Kindes, hat dies oft auch finanzielle Konsequenzen. Vorher konnten Ausgaben und auch die Kinderbetreuung gemeinsam geregelt werden. Alleinerziehende stehen vor solchen Aufgaben jedoch allein, was nicht selten deutliche Abstriche bedeutet, die auch der Kindesunterhalt nicht auffangen kann. Mitunter fällt das Familieneinkommen zu einem großen Teil weg und die kleine Familie ist künftig auf Sozialleistungen angewiesen.

6. Migrationshintergrund

Gerade eingewanderte Menschen haben am Arbeitsmarkt mit besonderen Herausforderungen wie Vorurteilen und mangelnder Qualifikation zu kämpfen. Dies sorgt dafür, dass sie auch nur ein entsprechend geringes Einkommen realisieren. Somit ist das Armutsrisiko für Kinder aus Einwandererfamilien um nahezu das Dreifache erhöht.

Wege aus der Kinderarmut – wo lässt sich ansetzen?

Bei der Bekämpfung der Kinderarmut existieren zahlreiche Ansätze, die sich im Großen und Ganzen auf zwei Bereiche aufteilen lassen:

1. Materielle Besserstellung

Die Bertelsmann-Stiftung geht in einer Studie zur Kinderarmut darauf ein, dass das staatliche Unterstützungssystem aktuell nur sehr schlecht auf die Probleme der Kinderarmut eingehen kann. Vielmehr müsste eine Art „teilhabegewährleistendes Existenzminimum“ für Kinder geschaffen werden, welches alle wichtigen Dinge umfasst. Dazu gehören neben Geldmitteln für Ernährung, Kleidung und Wohnen auch Mittel für die Teilhabe am sozialen Leben.

2. Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten

Da sehr viele Ursachen von Kinderarmut sich irgendwie auf den Arbeitsmarkt beziehen, ist die Verbesserung der Arbeitsmarktchancen von Kindern und deren Eltern der Schlüssel im Kampf gegen Armut. Neben guten Weiterbildungsmöglichkeiten für die Eltern umfasst dies jedoch vor allem eine entsprechende Förderung der Kinder. Dies ist vor allem deshalb wichtig, weil Kinder von Langzeitarbeitslosen einem deutlich höheren Risiko ausgesetzt sind, später selbst arbeitslos zu werden. Zu diesen Maßnahmen gehören unter anderem:

  • Frühkindliche Förderung
  • Erste Bildungsangebote bereits im Kindergarten (inklusive Sprachförderung)
  • Verbesserung der Bildungschancen im Schulsystem
  • Verhinderungsstrategien in Bezug auf Schulabbrüche

Die Diskussion um die Vermeidung von Kinderarmut wird nach wie vor sehr lebhaft geführt und es bleibt abzuwarten, welche Ideen und Strategien die Politik in Zukunft entwickeln wird. Fest steht, dass Kinderarmut in Deutschland ein großes Problem darstellt, welches die zukünftige Gesellschaft spalten könnte.

Fazit

Auch wenn es in Industrieländern wie Deutschland zunächst absurd erscheinen mag, über Armut zu sprechen, ist diese leider sogar weitverbreitet. Am schlimmsten ist dies für Kinder, die besonders unter den Folgen leiden. Kinder aus Haushalten unterhalb der Armutsschwelle sind öfter fehlernährt und können nur eingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.

Die Ursachen für Kinderarmut liegen dabei logischerweise in der Situation der Eltern. Obwohl es sehr unterschiedliche Grundursachen gibt, schließt sich der Kreis sehr häufig auf dem Arbeitsmarkt und bei den Einkommenschancen. Aus diesem Grund ist es wichtig, niedrigqualifizierten Menschen die Möglichkeit einzuräumen, sich fortzubilden. Ferner sollte ein Vollzeitjob es ermöglichen, oberhalb der Armutsgrenze leben zu können. Hier könnten eventuell Feinjustierungen beim Mindestlohn helfen. Es ist jedoch wichtig, dass das Problem Kinderarmut keinesfalls missachtet wird, weil darunter die schwächsten unserer Gesellschaft leiden: die Kinder!


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