Hochsensible Kinder verstehen und begleiten

Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Kind seit seiner Geburt sensibler als andere reagiert und Sie damit ab und zu ziemlich fordert? Dieser Artikel bietet Ihnen einen möglichen Erklärungsansatz und hilft Ihnen, Ihr Kind besser zu verstehen.

Seit den Neunziger Jahren gibt es in der Psychologie den Begriff der „Hochsensibilität“. Geprägt hat ihn die Dr. Elaine Aron, eine US-amerikanische Psychotherapeutin und Universitätsprofessorin, die seit 1991 daran forscht. Sie geht davon aus etwa 15-20% der Bevölkerung mehr Reize und Informationen wahrnehmen und verarbeiten müssen, als der Rest der Menschheit. Diese Eigenart ist meist angeboren.

Hochsensibilität ist also keine Krankheit oder Schwäche, wie der gern benutzte Begriff „Überempfindlichkeit“ vermuten ließe, sondern durchaus eine Begabung – ein Wesenszug, der meist nicht behandlungsbedürftig ist, jedoch unbeachtet zu einigen Problemen führen kann. Glücklicherweise sind die immer noch andauernden Studien der Psychotherapeutin so umfassend, dass der Begriff immer mehr Verbreitung und Akzeptanz findet. Dadurch gibt es mittlerweile einige Hilfsangebote.

Sprechen Sie jedoch Ihren Kinderarzt darauf an, so können Sie Glück haben und Ihr Arzt steht der Problematik offen gegenüber, oder aber Sie haben es mit einem Vertreter der alten Schule zu tun, der nur müde abwinkt. Wenn Sie dennoch den Verdacht haben, dass Ihr Kind hochsensibel ist, dann lassen Sie sich davon nicht verunsichern und informieren Sie sich lieber woanders.

Eigenschaften von Hochsensiblen

Allen Hochsensiblen gemein ist, dass sie mehr Reize wahrnehmen, als andere. Sie scheinen mehr zu sehen, hören, riechen und sogar fühlen, als der Rest der Welt. Der Filter lässt sozusagen mehr durch. All diese Reize müssen jedoch vom Gehirn auch verarbeitet werden, das somit leicht in einen Zustand der Überreizung gerät. Gerade bei Hochsensiblen scheint die Reizverarbeitung besonders gründlich zu sein. Aber das braucht Ruhe und Zeit. In unserer modernen Welt wird es immer schwerer, Ruhepole zu finden, was es den Hochsensiblen nicht leichter macht.

Wenn sich ein Erwachsener also schon überfordert fühlt und Schwierigkeiten hat abzuschalten, wie soll es ein Kind oder sogar Baby können? Babys und Kleinkinder haben noch eine viel zu geringe Frustrationstoleranz, um allein mit all den überwältigenden Eindrücken klarzukommen.

So äußerst sich Hochsensibilität bei Kindern:

  • Beobachtet viel und interagiert früh mit seiner Umwelt
  • Ist unausgeglichen, kommt schlecht zur Ruhe und schläft schlecht ein, wacht oft auf
  • Reagiert auf kleinste Geräusche und erschrickt leicht
  • Reagiert empfindlich auf Lärm oder grelle Farben
  • Spürt Stimmungen im Raum und reagiert darauf
  • Klammert mehr als andere
  • Mag keine Veränderungen oder zu viele fremde Menschen
  • Macht oft einfach „dicht“
  • Hat nur wenige, dafür gute Freunde
  • Ist schmerzempfindlich
  • Hat starke positive und negative Gefühle, die ab und zu regelrecht „ausbrechen“
  • Nicht immer treffen alle Eigenschaften zu. Man unterscheidet zwischen hypo- und hyper-hochsensiblen Typen.

Der Hypo-Typ (häufiger)

  • Ist eher zurückhaltend und zeigt wenig Gefühle
  • Versucht alles richtig zu machen und verzweifelt, wenn er seinen eigenen perfektionistischen Ansprüchen nicht genügt
  • Frisst viel in sich hinein und hat dann gelegentliche Ausbrüche

Der Hyper-Typ

  • Überdreht leicht
  • Ist impulsiv und hat starke Gefühlsschwankungen
  • Neigt zu Übertreibungen
  • Zeigt eventuell ADHS-ähnliches Verhalten, das im schlimmsten Fall dann fälschlicherweise mit Medikamenten behandelt wird!

Die Sonnenseite der Gabe

Hochsensible Kinder haben eine sehr differenzierte Wahrnehmung. Das heißt im positiven Sinne, dass sie in der Lage sind mehr Details gleichzeitig zu erfassen als andere. Trifft Hochsensibilität auf eine hohe Intelligenz, sind sie zum Beispiel später dazu fähig, Projekte in ihrer ganzen Komplexität zu begreifen und detailliert zu planen.
Aber Vorsicht: Hochsensibilität ist nicht gleich Hochbegabung!

Wenn ein Kind eher dem Hypo-Typen entspricht, so wird es später in der Lage sein, fleißig und gründlich zu arbeiten und Aufgaben gewissenhaft zu lösen – immer mit der Einschränkung, dass es nicht von zu vielen Außenreizen abgelenkt und überfordert wird.

Zudem sind die meisten Hochsensiblen in der Lage, sich in andere hineinzuversetzen, Gefühle zu erspüren und zwischen den Zeilen zu lesen. Richtig eingesetzt ist diese Gabe zum Beispiel für geschickte Mitarbeiterführung sehr wichtig.

Tipps für den Umgang mit hochsensiblen Kindern

Erst einmal ist es wichtig festzuhalten, dass es keine Strafe sondern eine besondere Aufgabe ist, ein hochsensibles Kind zu erziehen. Auch wenn es oft schwer ist und man an seine Grenzen gerät, ist es doch wichtig, das Kind so anzunehmen wie es ist. Denn hochsensible Kinder spüren, wenn die Eltern es sich lieber anders wünschen würden.

Das können Sie tun, um Ihrem Kind zu helfen:

  • Reduzieren Sie Reize
    Gerade bei Babys und Kleinkindern ist das enorm wichtig. Schalten Sie also Fernseher und Radio aus. Beschränken Sie die Auswahl auf wenige Spielzeuge und sorgen Sie für eine einigermaßen aufgeräumte Wohnung. Schaffen Sie Ruheecken, die vielleicht etwas abgedunkelt sind. Reduzieren Sie Ausflüge und Besuche soweit, bis es ihr Kind nicht mehr überfordert. Natürlich sollen Sie sich nicht zuhause verkriechen – Stimulation und Förderung sind auch wichtig. Aber als aufmerksame Eltern werden Sie die Grenzen Ihres Kindes erkennen und danach handeln. Versuchen Sie lieber nicht, Ihr Kind abzuhärten, das kann nach hinten losgehen.
    In der Schule gibt es mittlerweile immer mehr Lehrer, die das Problem erkannt haben und sensible Kinder während des konzentrierten Arbeitens mit Kopfhörern versorgen.
  • Schaffen Sie Rituale und feste Abläufe
    Wenn das Zubettgehen jeden Tag anders abläuft, ist das auch ein zusätzlicher Reiz, der Ihr Kind überfordern kann. Versuchen Sie so weit es geht, feste Zeiten und Abläufe zu etablieren, auf die sich Ihr Kind verlassen kann. Durch die Strukturierung des Alltags findet das Kind einen Rahmen, in dem es sich frei bewegen und wohlfühlen kann, ohne sich ständig aufs Neue entscheiden zu müssen. Eine klare Führung hilft jedem Kind – bei hochsensiblen ist sie besonders wichtig.
  • Seien Sie da
    Ihr hochsensibles Kind braucht besonders viel Zuwendung, um mit den Wirren des Lebens besser klarzukommen. Geben Sie ihm Nähe und Geborgenheit und seien Sie für es da, wann immer es das braucht. Trösten Sie statt nur zu beruhigen. Dazu gehört später auch, ihm aktiv zuzuhören, wenn es schon erzählen kann, was es bedrückt. Nehmen Sie es ernst in seinem Kummer. Oft reicht es schon, wenn das Kind sieht, dass es verstanden wird. Das funktioniert auch schon im Kleinkindalter, indem die Eltern den jeweiligen Gefühlszustand für das Kind formulieren, z.B. „jetzt ärgerst du dich“ oder „du bist traurig“.
    Wenn das Kind aus einem Wutanfall nicht mehr herausfindet, können Sie es unterstützen, indem Sie im eine Lösung vorgeben.
  • Gehen Sie Veränderungen langsam an
    Ihr Kind braucht mehr Zeit als andere, um mit Veränderungen klar zu kommen. Das kann die neue Krabbelgruppe sein oder der Eintritt in Kita oder Schule. Wenn es noch klein ist, führen Sie es langsam an die neue Gruppe heran. Lassen Sie es so lange es geht auf Ihrem Schoß sitzen und die neue Welt in seinem eigenem Tempo entdecken. Zwingen Sie es auf keinen Fall zu Interaktionen, die es nicht will.
    Steht der Wechsel in eine Betreuungseinrichtung an, vereinbaren Sie unbedingt eine langsame, sanfte Eingewöhnung.
    Planen Sie Veränderungen gründlich. Je älter Ihr Kind wird, desto mehr kann es mit einbezogen werden und sich so darauf einstellen.
  • Setzen Sie Grenzen
    Bei aller bedürfnisorientierten Zugewandtheit dürfen Sie aber auch Ihre eigenen Bedürfnisse nicht komplett vergessen. Wenn Sie sich wohl fühlen und mit sich im Reinen sind, spürt das auch Ihr Kind! Sie müssen Ihr Kind nicht „überbehüten“, setzen Sie ruhig auch einhaltbare Grenzen und bleiben Sie konsequent.
  • Besonderheit: hochsensible Eltern
    Sind die Eltern oder zumindest ein Elternteil ebenfalls hochsensibel, fällt Ihnen die Abgrenzung von Kind schwer. Sie sind nicht nur leichter überfordert, sondern fühlen sich besonders in das Kind hinein und verschmelzen sozusagen zu einer Einheit. Dies steht klarer Führung entgegen und kann für das Kind zusätzlich belastend sein. Außerdem ignoriert diese Art der Erziehung die individuellen Fähigkeiten eines Kindes, eigene Wege aus der Krise zu finden. Ihr Kind ist eine eigene kleine Persönlichkeit. Wichtig ist es in diesem Fall sich erst einmal selbst zu erkennen und das eigene Verhalten zu hinterfragen. Schafft man es nicht selbst, anders zu reagieren, kann eine professionelle Begleitung in Betracht gezogen werden.

Tipps bei Überforderung

  • Reden Sie darüber:
    Es bringt nichts, Ihre Überforderung aus Angst vor den Konsequenzen zu verschweigen. Wenn Sie niemandem erzählen, was los ist, kann auch niemand helfen.
  • Erkennen Sie Ihre Bedürfnisse:
    Es ist sehr wichtig, überhaupt zu wissen, was die eigenen Bedürfnisse sind. Erst wenn man sich darüber klar ist, kann man sie kommunizieren und Wege finden, sich besser zu fühlen.
  • Nehmen Sie Hilfe an:
    Wenn das Vater zum Beispiel vorschlägt, einen halben Tag mit dem Kind zu verbringen, dann helfen Sie ihm dabei, das auch umzusetzen. Wenn die Oma anbietet, zum Babysitten zu kommen, dann machen Sie einen konkreten Termin aus. So bleibt es nicht bei leeren Versprechungen.
  • Suchen Sie andere Eltern in einer ähnlichen Situation:
    Treten Sie zum Beispiel einer Selbsthilfegruppe bei Facebook oder einem Online-Forum bei und tauschen sich dort aus. Oder versuchen Sie Eltern ebenfalls hochsensibler Kinder zum Beispiel in Krabbelgruppen persönlich kennenzulernen.
  • Lassen Sie sich mal wieder verwöhnen:
    Wenn Ihr Kind schon älter ist, können Sie sich zum Beispiel einen halben Tag im Spa gönnen. Ist es jünger, reicht es vielleicht schon, sich ab und zu selbst eine Massage zu verschreiben. Versagen Sie sich nicht jede Freude. Zu schnell passiert es, dass all die schönen kleinen Dinge im Alltagstrott untergehen.
  • Suchen Sie ärztliche und/oder therapeutische Unterstützung:
    Und wenn alles nicht hilft, können Sie sich auch bei Ihrem Hausarzt vorstellen. Wenn Sie ihm die Probleme schildern, wird er Ihnen mit weiteren Anlaufstellen helfen können. Eventuell wird er Ihnen auch zu einer Kur raten und das weitere Vorgehen schildern.

Quellen und weiterführende Links

Websites zum Thema:

Bücher zum Thema finden Sie zum Beispiel hier:


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